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Ausbildungsangebot des Monats - Dezember 2006

Ausbildungsintegriertes Studium (AIS): Wirtschaftswissenschaften für die Versicherungsbranche

Anbieter:
BWV München e. V. in Kooperation mit der Universität der Bundeswehr München

 
 
 
 

Bereits 1750 v. Chr. gab es im alten Babylon die erste Form der Versicherung, als sich Karawanenteilnehmer zum Schutz gegen Raubüberfälle zusammenschlossen. Heute hat die Versicherungswirtschaft eine enorme volkswirtschaftliche Bedeutung erlangt und bietet alleine in Deutschland rund 650.000 Arbeitsplätze. Ob steigende Lebenserwartung oder Extremsport, ob Genforschung oder Klimawandel – Gesellschaft, Technik und Umwelt verändern sich und bergen bei allen Chancen auch neue Risiken. So gewinnt neben dem Risiko- und Schadensmanagement für Privatpersonen und Betriebe bis hin zu globalen Industrieausgleichen auch die finanzielle Absicherung von Kunden immer mehr an Bedeutung. Damit wird die Versicherungswirtschaft allen Prognosen nach weiterhin eine Wachstumsbranche bleiben.

Den typischen Durchschnittskunden wird es aber wohl immer weniger geben: Vielmehr wird der Versicherungsschutz noch gezielter auf das Einkommen, die soziale Stellung und den Lebensstil angepasst und Versicherungsentscheidungen aufgrund von Preis-Leistungs-Vergleichen getroffen werden. Der zunehmend härtere Wettbewerb im Versicherungsbereich zwingt daher die Unternehmen, ihren Service zu verbessern und zugleich die Kosten zu senken. Ein Schlüsselfaktor für den Erfolg sind qualifizierte Mitarbeiter, die betriebswirtschaftliche, volkswirtschaftliche, mathematische und juristische Kenntnisse besitzen und sich gleichzeitig durch branchenspezifische Qualifikationen und eine hohe Beratungskompetenz auszeichnen.

Foto: Studenten/innen in der Universitätsbibliothek

Um sich gerade als Unternehmen gegen das Risiko fehlender Nachwuchskräfte abzusichern, haben einige Versicherungsunternehmen eine innovative Lösung entwickelt: Sie bilden ihre zukünftigen Leistungsträger im eigenen Haus aus und bieten Topabiturienten eine Mischung aus Wissenschaft und Praxis. Das neuartige Bildungsprodukt heißt "Ausbildungsintegriertes Studium" und wurde erst vor zwei Jahren mit dem Berufsbildungswerk der Versicherungswirtschaft in München e.V., der Universität der Bundeswehr München und fünf renommierten Unternehmen aus der Versicherungswirtschaft konzipiert: Allianz, Generali Versicherungen, Münchener Rück, Swiss Life und die Versicherungskammer Bayern.

Zivile Studenten unter Offiziersanwärtern

"Das duale Studium ist besonders von leistungsstarken Abiturienten zunehmend gefragt", meint Franz Wagner, Personalentwicklungsleiter der Versicherungskammer Bayern. "Häufig sind sehr gute Abiturienten in einer Ausbildung, aber auch an einer Massenuniversität unterfordert und suchen nach Bildungsalternativen. Bei diesem dualen Studiengang haben wir wiederum die Möglichkeit, die  Studierenden über einen langen Zeitraum zu beobachten und sichern uns durch das Angebot mittel- und langfristigen Führungskräftenachwuchs für das komplexe Geschäft. Das innovative Unimodell spricht sich natürlich herum und wir profitieren durch das Angebot von einem verbesserten Unternehmensimage."

Eine dieser ersten Nachwuchsaspiranten ist Sarah Stummann. Die 20-jährige Münchnerin lernte die Versicherungskammer bei einem Bewerbungstraining an ihrem Gymnasium kennen. Weil sie sich damals wenig unter der Versicherungsbranche vorstellen konnte, absolvierte sie ein dreiwöchiges Praktikum bei der Versicherungskammer und wurde nach einem Assessment-Center im Oktober 2005 eingestellt. "Die Unternehmen engagieren sich stark für das duale Studienmodell, denn schließlich wollen sie ihren Nachwuchs fördern. Aber die Doppelbelastung mit Uni und Ausbildung stellt hohe Anforderungen an uns. Da ist Eigeninitiative gefragt," meint Sarah.

Auch ihr Studienkollege Florian Happ ist mit vollem Einsatz in das duale Studium eingestiegen. Der 21-Jährige ist für seine Ausbildung bei der Münchener Rückversicherung von Aachen an die Isar gezogen und hatte als ehemaliger Zivildienstleistender bis vor kurzem noch keine Vorstellung davon, wie das Studium an einer Bundeswehruniversität abläuft: "Es geht aber ganz zivil zu", lacht Florian. "Wir hören gemeinsam mit den Soldaten die Vorlesungen, sind aber keineswegs dem Militärischen unterstellt. Da es eine relativ kleine Uni ist, haben wir zudem einen guten Kontakt zu den Dozenten."

Foto: Sarah Stummann und Florian Happ

Der Studiengang ist in der Fakultät Wirtschafts- und Organisationswissenschaften angesiedelt. Hier lernen die AIS'ler – wie sie sich nennen – die neuesten wissenschaftlichen Theorien aus Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft kennen. Im Hauptstudium können sie dann wahlweise Schwerpunkte in Finanzwirtschaft, Internationales Management, Organisationspsychologie oder Wirtschaftsrecht setzen. In den jeweiligen Vertiefungsrichtungen erwerben sie u. a. Kernwissen zum Management von Wertpapieren und zum Risiko- und Versicherungsmanagement, zur sozial-, verhaltens- und organisationswissenschaftlichen Basis eines modernen Managements, zu Markteintrittsstrategien, Konzernstrukturen und interkulturellem Management sowie zu wirtschaftlich relevanten Rechtsbereichen.

Die fachübergreifenden Kompetenzen trainieren sie in ergänzenden Seminaren zu Kommunikation, Führungsverhalten und Projektmanagement. Außerdem steht allen Studierenden das preisgekrönte und breit gefächerte Begleitprogramm der Universität zur freien Wahl, um ihr Allgemeinwissen zu erweitern. "Dieses Jahr besuche ich im Rahmen von studium plus 'Didaktik des Managementtrainings', in dem es auch um Vertriebskompetenzen geht und letztes Jahr habe ich an einem Geschichtskurs über Kolonialismus teilgenommen," erzählt Sarah Stummann.
Das gesamte duale Studium dauert gut dreieinhalb Jahre, ist in dreimonatige Phasen unterteilt und schließt noch mit dem herkömmlichen Titel Diplom-Kaufmann/frau (Uni) ab. Der Stundenplan wird dabei komplett vom Berufsbildungswerk koordiniert - ein großer Vorteil für alle Beteiligten, denn der Verwaltungs- und Schulungsaufwand verringert sich erheblich durch die Organisation und Durchführung über das BWV München. In einer typischen Theoriephase sind die AIS'ler zum Beispiel an vier Tagen pro Woche an der Uni und an einem Tag im Berufsbildungswerk, wo sie das Fachwissen für die Erstausbildung zum Kaufmann/frau für Versicherungen und Finanzen in kompakter Form erwerben. "Im Berufsbildungswerk sind wir AIS'ler mit vier Mädchen und fünf Jungs unter uns und haben auch immer einen Raum zur Verfügung, den wir nutzen können, um den Unistoff gemeinsam zu erarbeiten", beschreibt Florian die außergewöhnlichen Lernbedingungen, bei dem das Kleingruppenkonzept in intensiver Kommunikation und schnellen Lernerfolgen hervorragend aufgeht.

Foto: Kleingruppenarbeit im BWV München e. V.

Mit fundiertem Wissen gut versichern

Die Praxis kommt aber nie zu kurz. In den professionell organisierten Ausbildungsbetrieben lernen die AIS'ler parallel zum Studium die facettenreichen Tätigkeitsfelder im Innen- und Außendienst praktisch kennen und erhalten Einblicke in das Management. Sarah ist bei der Versicherungskammer Bayern in einem großen Azubipool mit rund 100 anderen Auszubildenden eingebunden, doch etwas Besonderes haftet den dual Studierenden allemal an: "Unsere Ausbilder betreuen uns alle gleich gut, doch wissen sie, dass unser Weg nach der Berufsabschlussprüfung im Unternehmen weiter geht. Wir bekommen dadurch einen Einblick in viele verschiedene Abteilungen der Versicherung, was ein Vorzug gegenüber Hochschulabsolventen sei, sagen unsere Ausbilder," erklärt Sarah ihren Status und gibt einen Einblick in die bisherigen Praxiseinsätze im Unternehmen: "Im 1. Jahr war ich in der Abteilung Lebensversicherung, habe dort neue Anträge geprüft, im System erfasst und die Ausstellung der Versicherungsscheine vorbereitet. Zurzeit bin ich in der Sachversicherung, wo es um die Schadensabwicklung und Zahlung geht. 'Meine Glasscheibe ist kaputt' oder 'Mein Keller steht unter Wasser' sind typische Alltagsprobleme." Abgesehen vom klar umrissenen Ausbildungsprogramm stellt sich ihr Unternehmen aber auch ganz flexibel auf Sonderwünsche ein. Für drei bis vier Tage können sie in vielen anderen Abteilungen des Hauses hospitieren, um herauszufinden, was ihnen nach der Ausbildung Spaß machen würde.

Florians erste Abteilung bei der Münchener Rück, welche als internationaler Konzern enge Kontakte zum Ausland unterhält, war die Taiwan Abteilung. "Zu Beginn habe ich die Grundzüge der Industrie-Feuerversicherung in Taiwan und allgemein die grundlegenden Vertragsformen kennen gelernt, musste Statistiken analysieren und konnte mit meinem Ausbilder Optimierungsstrategien für kommende Vertragserneuerungen entwickeln. Durch die internationalen Kontakte nach Asien lernte ich auch, was man aufgrund der kulturellen Unterschiede beachten muss, wenn man zum Beispiel einen Brief an einen asiatischen Geschäftspartner schreibt. Ab Februar wechsle ich ins Rechnungswesen und danach in die Großkundenabteilung. Auslandseinsätze sind aber in den ersten beiden Jahren nicht vorgesehen. Im Betrieb geht es erstmal darum, die Grundkenntnisse sicher zu beherrschen und dann die Spezialkenntnisse zu erwerben. Das nimmt schon genügend Zeit in Anspruch, denn die Materie ist sehr anspruchsvoll," erzählt Florian.

Zeit für die finanzielle Absicherung müssen die dual Studierenden dagegen nicht aufbringen, denn mit der überdurchschnittlich hohen Ausbildungsvergütung ist das Problem der Studienfinanzierung gelöst: Im ersten Jahr sind es rund 813 € im Monat, im zweiten Jahr rund 885 € und im dritten und vierten Jahr, in denen die Studierenden ihre Berufsausbildung bereits abgeschlossen haben, zwischen 1.060 € und 1.550 € im Monat. Die Vergütung im dritten und vierten Jahr richtet sich dabei nach der Abschlussnote im Ausbildungsberuf und dem jeweiligen Einsatz. Und nicht zuletzt übernehmen die beteiligten Versicherungsunternehmen auch die anfallenden Studiengebühren.

Foto: Der AIS-Jahrgang auf einen Blick

Gesicherte Zukunft

"Sobald die Studierenden ihre Abschlussprüfung zum Kaufmann/frau in Versicherungen und Finanzen nach zwei Jahren vor der Industrie- und Handelskammer bestanden haben, werden wir sie direkt in konkrete Projekte wie zum Beispiel im Marketing oder in der Produktentwicklung einsetzen, damit ihr frisches Wissen auch praktisch zum Zuge kommt," sagt Franz Wagner von der Versicherungskammer Bayern. "Die ersten Studienabsolventen wird es 2008 geben und erst dann kann eine konkrete Bilanz gezogen werden. Wir blicken aber sehr optimistisch in die Zukunft." Verständlich, dass mit dem jungen Studienmodell noch Erfahrungen gesammelt werden müssen, doch bislang höchst zufrieden äußert sich Sabine Müller-Schwarz, Koordinatorin des dualen Studiengangs bei der Swiss Life Deutschland: "Unsere Studenten haben bisher exzellente Leistungen gebracht, obwohl es eine harte Ausbildung ist. In unserem Unternehmen wird man immer hellhöriger auf die dualen Studenten."

Auch wenn Florian und Sarah noch mitten im Studium sind, auf einen Nenner kommen beide schon jetzt: "Wir würden den Studiengang jederzeit wieder wählen, weil es einfach viel Spaß macht. Aber entscheidend für den Erfolg ist und bleibt das persönliche Engagement!" In welcher Sparte sie nach ihrem Studienabschluss arbeiten werden – ob Kranken-, Lebens-, Unfall- oder Schadensversicherung, ob Rückversicherung oder Finanzdienstleistung – steht noch nicht bei allen Studierenden fest. Doch mit der Zusage ihrer Ausbildungsunternehmen, sie nach Studienabschluss zu übernehmen, können sie sich zumindest ohne "zeitliches Risiko" als frisch gebackene Diplom-Kaufleute profilieren.

Kontakt:

Berufsbildungswerk der Versicherungswirtschaft in München e.V. (BWV München)
Schackstr. 3
80539 München
Frau Tanja Hackenberg
Tel.: 089 383922-21
E-Mail: tanja.hackenberg@bwv-online.de
Internet: www.bwv-ais.de

Tipp:
Einen bundesweiten Überblick über weitere duale Studiengänge im Bereich "Versicherungswirtschaft" liefert die Datenbank AusbildungPlus mit dem Suchwort "Versicherung".