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Berufsförderungswerk der Bauindustrie NRW e. V. in Kooperation mit den Fachhochschulen Köln und Bochum sowie der Bergischen Universität Wuppertal
Carsten Broichhaus hat schon sieben Stunden auf der Baustelle hinter sich. Es regnet, es ist kalt und dazu kommt noch der Straßenlärm. Nach dem harten Arbeitstag wird er sich noch keinen Feierabend gönnen, sondern über seinen Lehrbüchern sitzen und für die nächsten Klausuren büffeln: Carsten ist ein Student im dualen Studiengang Bauingenieurwesen. „Ich habe mit einem klassischen Studium begonnen, bei dem nur Theorie vermittelt wurde. Viele Unternehmen verlangen aber heute zusätzlich praktische Erfahrung, rein theoretisches Wissen reicht oft nicht mehr aus. Deshalb bin ich zum dualen Studium an die Uni Wuppertal gewechselt und es macht mir echt Spaß,“ schildert Carsten.
Die kurze Studiendauer, die guten Arbeitsmarktchancen und die überdurchschnittlich hohe Ausbildungsvergütung entschädigen ihn für die Schufterei. Der 23-jährige absolviert parallel zum Studium eine Ausbildung als Kanalbauer in einem mittelständischen Unternehmen. Sein Ausbildungsbetrieb ist die August Dohrmann GmbH in Remscheid, die ihren Nachwuchs frühzeitig einarbeitet. Carsten ist daher auf dem besten Weg zu einem Job in seinem Traumberuf als Bauingenieur.
Bis dahin heißt es aber erstmal auch früh aufstehen, ordentlich zupacken und pauken.

Foto: Lehrter Bahnhof in Berlin
Eine gemeinsame Initiative der Bauindustrie
Ins Leben gerufen wurde der duale Studiengang von den Bauunternehmen und dem Berufsförderungswerk Bauindustrie NRW e.V. mit seinen überbetrieblichen Ausbildungszentren. Im Jahre 2002 startete der erste "Duale Studiengang Bauingenieurwesen" in Kooperation mit der Fachhochschule Köln, gefolgt von einem zweiten Studiengang an der Fachhochschule Bochum in 2003. Einen weiteren Höhepunkt bildete schließlich die Einführung des akkreditierten dualen Studiengangs Bauingenieurwesen an der Bergischen Universität Wuppertal. Dieser bundesweit erste duale Universitätsstudiengang im Bauwesen schließt bereits mit dem neuen Titel "Bachelor of Science in Civil Engineering" ab.
Studentenalltag – Praxis plus…

In den ersten 16 Monaten des Studiums steht die Ausbildung im gewählten Bauberuf im Vordergrund. Diese findet je nach Studienort in einem der überbetrieblichen Ausbildungszentren in Essen, Hamm und Kerpen statt, wo die Auszubildenden alle Grundlagen des Bauhandwerks lernen. Der 25-jährige Pavao Kumir, Auszubildender bei der Bilfinger Berger AG, erzählt begeistert: “Die Abwechslung zwischen Theorie und Praxis lässt die Zeit wie im Fluge vergehen. Im Praxisunterricht merkt man schnell, dass unüberlegtes Handeln oder kleine Unaufmerksamkeiten viel Zeit kosten können. Im schlimmsten Falle ist das Stück im Eimer und man kann von vorne beginnen. Noch ein riesiger Vorteil ist, dass man mit der Praxiserfahrung die zeitliche Dauer eines Bauablaufs besser nachvollziehen und damit besser planen kann. Oft sind die Konstruktionspläne aus dem Büro viel zu kompliziert. Jetzt fertige ich Pläne aus einer viel praktischeren Perspektive an.“

Mit Hammer und Meißel sorgen die Studenten auch für manche Überraschung, wie eine Ausbilderin schildert: „Ich bin erstaunt, wie viel handwerkliches Geschick sie mitbringen. Ich dachte zuerst, wer so viel mit dem Kopf arbeitet, hat zwei linke Hände. Aber das ist gar nicht der Fall. Bei manchen ist es schade, dass sie nicht ganz auf der Baustelle bleiben. So gut sind sie bei der Arbeit.“ Dies spricht sich mittlerweile auch bei den Bauunternehmen herum, von denen etliche dem dualen Studienmodell noch skeptisch gegenüber stehen. Sie befürchten, dass sie die Studenten auf der Baustelle nicht genauso einsetzen können wie normale Lehrlinge, aber die praktischen Anforderungen im dualen Studienmodell sind gleich hoch. Zudem fallen die Berufsschulzeiten vollständig weg. Dass die dualen Studenten hervorragende Leistungen erbringen, kann Herr Lengwenat als Gesamtkoordinator des Studienmodells stolz bestätigen: „In diesem Jahr schlossen zwei Studenten und eine Studentin der Fachhochschule Köln als Jahrgangsbeste ihre gewerbliche Ausbildung ab.“
…Hochschulbetrieb
Zum Ausgleich gibt es die Lehrveranstaltungen an den Hochschulen, die an einem bis zwei Tagen pro Woche in der Vorlesungszeit stattfinden. Hier lernen die „StuZubis“, wie sie von anderen genannt werden, ingenieurwissenschaftliche Grundlagen wie Bauphysik, Mathematik, Bauchemie, Statik und Konstruktionslehre.

Später können sie zwischen einer Reihe von Vertiefungsmöglichkeiten wählen wie zum Beispiel Wasserwirtschaft, Verkehrswesen, Geotechnik, Bauprojektmanagement oder Konstruktiver Ingenieurbau. Im 2. Jahr ist die praktische Ausbildung dafür verstärkt an die vorlesungsfreie Zeit gekoppelt. Nach etwa drei Jahren legen die Auszubildenden die Abschlussprüfung zum Gehobenen Baufacharbeiter/in im gewählten Bauberuf ab. Und mit der bestandenen Prüfung ist gleichzeitig das vorgeschriebene Fachpraktikum erbracht. Die dritte Phase dient wiederum ausschließlich dem Studium und schließt nach neun Semestern mit der Diplomarbeit bzw. nach bereits acht Semestern mit der Bachelor-Thesis ab. „Eine Umstellung der Diplomstudiengänge an den Fachhochschulen auf den neuen Bachelorabschluss ist noch in der Planung, „erklärt Herr Lengwenat. „Der Bachelor ist bei vielen Betrieben noch nicht so bekannt, aber wir tun alles dafür, dass die Akzeptanz allmählich steigt.“ (Foto: Gotthard Tunnel, Quelle: Hochtief)

Carsten Broichhaus, der vorher an einer klassischen Uni studiert hat, weiß das Besondere an der Universität Wuppertal zu schätzen: “Wuppertal ist gegenüber anderen Unis kleiner und familiärer. Die dualen Studenten sind eine eingeschworene Gruppe. Wir helfen uns alle gegenseitig. Außerdem möchte ich das häufige Vorurteil widerlegen, dass Universitätsstudenten „Fachidioten“ sind. Die Bergische Universität ist eine praxisorientierte Uni. Wir absolvieren Praktika, in denen wir zum Beispiel verschiedene Baustoffe herstellen oder prüfen. Durch den modularisierten Aufbau des Bachelorstudiengangs schreiben wir außerdem mehr Hausarbeiten als beim Diplomstudiengang. Deshalb müssen wir auch während des Semesters ständig mitarbeiten. Und wir legen nach jedem Semester in jedem Fach Prüfungen ab.“ Dass am Anfang nicht alles einfach war, räumt er ein, doch hat er sich mittlerweile an den Ablauf gewöhnt: „Das größte Problem war anfangs der Zeitdruck, da wir keine Semesterferien haben, sondern nur 30 Tage Urlaub im Jahr. Da war es problematisch, den richtigen Lernrhythmus zu finden. Wenn man von Anfang an nicht mitzieht und Lernstoff nachholt, kann man schnell den Anschluss verlieren. Daher ist ein gutes Zeitmanagement wichtig.“
Von der Schulbank in die Baubranche – Frauen auf dem Vormarsch
Viele der Auszubildenden sind über Schülerpraktika erstmals mit dem Baugewerbe in Berührung gekommen. Vom dualen Studiengang selbst erfuhren sie meist auf Infoveranstaltungen und Ausbildungsmessen. Obwohl die Studenten bei jedem Wetter auf der Baustelle sind und dort manchmal ein recht rauer Ton herrscht, mischen sich mehr und mehr Frauen unter die angehenden Bauingenieure.

So auch die 23-jährige Barbara Bock, die ihre Wahl nach einem Praktikum traf. Heute ist sie im 1. Fachsemester Bauingenieurwesen an der Fachhochschule Köln eingeschrieben. Ihr Ausbildungsbetrieb liegt dafür etwas weiter entfernt. Die Zimmerei Götz in Hirschberg bei Heidelberg, ein kleiner Betrieb in ihrer Heimatregion, stellte Barbara ein. Rückblickend berichtet sie: “Die Suche nach einem Ausbildungsplatz war sehr schwierig, da viele Betriebe den neuen Studiengang noch nicht kannten und man als Frau noch weniger Chancen auf die ohnehin schon spärlichen Ausbildungsplätze in diesem männerdominierten Beruf hat.“ Dennoch nimmt sie es auf die leichte Schulter: „Als Mädchen ist man auf den Baustellen eine Art Exot und wird manchmal von anderen Arbeitern oder einfach nur von Passanten komisch angeguckt, weil sie noch nie ein Mädchen auf der Baustelle gesehen haben. Meistens werde ich dann auch gefragt, was ich genau mache und warum. Die Reaktionen sind aber immer positiv.“
Auf dem Arbeitsmarkt gesucht: Tüftler als Projektmanager
Die Baubranche ist noch immer der größte Wirtschaftszweig in Deutschland. Auch im Ausland beteiligen sich deutsche Baufirmen verstärkt an Großprojekten, wo die Branche einen wahren Boom erlebt. Denn noch immer genießen deutsche Bauunternehmen einen hervorragenden Ruf. Allerdings zwingt der starke Wettbewerbsdruck vor allem von Billiganbietern zu neuen Strategien.

Foto: Mitarbeiter der Hochtief AG
Neben der herkömmlichen Baukonstruktion werden Einsatzgebiete wie Restauration, Umweltschutz, Entwicklungshilfe und Dienstleistungen für Unternehmen und private Haushalte immer wichtiger. Damit verlagert sich die klassische Ingenieurtätigkeit zunehmend in die Projektarbeit, wo Komplettlösungen für Immobilien und Infrastrukturprojekte gefragt sind. Die Bauingenieure von heute berechnen nicht nur die Statik, sondern planen den Einsatz von Baustoffen, Geräten und Fachpersonal, kalkulieren dazu noch Angebote und leiten das Bauprojekt bis zur Vermarktung. Im Klartext heißt das: führen, koordinieren, organisieren und Fremdsprachen beherrschen. Lange Arbeitstage, Rufbereitschaft, der Besuch von Fachmessen und Auslandseinsätze gehören daher zum Arbeitsalltag. Doch wiegt die Faszination am Bauwerk alle Anstrengungen auf.

Dennis Bittermann bekommt bei seinen Visionen leuchtende Augen: „Mein Traum ist die Mitarbeit an einem bedeutenden Großprojekt wie zum Beispiel der Bau einer Atlantikbrücke.“
Die Arbeitsmarktperspektiven der dualen Studenten sind gut, da sie schon früh mit ihren potenziellen Arbeitgebern Kontakt schließen. Und Herr Lengwenat fügt hinzu: “Der Verband der Deutschen Bauindustrie hat ermittelt, dass schon in diesem Jahr die Zahl der Hochschulabsolventen unter die Grenze von 4.500 fallen wird – so viele Bauingenieure werden jedes Jahr neu eingestellt.“ (Foto: Öresund Brücke, Quelle: Hochtief)
Wer nach dem Studium nicht von seiner Firma übernommen wird, kann dafür einen höheren akademischen Abschluss anstreben. Diesen Weg wird Carsten Broichhaus einschlagen, falls er keine Anstellung findet: „Die Uni Wuppertal bietet Aufbaustudiengänge in Sicherheitstechnik, Brandschutz, Qualitätsingenieurwesen, Immobilienmanagement und Bauingenieurwesen an. Diese Masterabschlüsse entsprechen den klassischen Universitäts-Diplomen und man kann später promovieren. Wenn meine Leistungen gut bleiben, kann ich wahrscheinlich in meinem Betrieb bleiben. Sollte dies aber nicht klappen, möchte ich einen Masterstudiengang in Immobilienmanagement anschließen.“

Foto: Ausbildungsjahrgang 2005 in Kerpen
Wie werde ich dualer Student – Tipps aus erster Hand
Herr Lengwenat hat immer ein offenes Ohr für seine „Schützlinge“ und rät neuen Studierwilligen: „Besonders wichtig für die eigene Planungssicherheit ist es, sich einen Studienplatz frühzeitig zu reservieren. Dazu bieten wir auf unserer Homepage www.ABZ-Kerpen.de ein einfaches "Online-Reservierungsformular" an. Außerdem sollten uns alle Interessenten eine Bewerbungsmappe zusenden. Sie erhalten eine Reservierungsbestätigung und haben danach Zeit, sich einen Ausbildungsplatz zu suchen. Dabei helfen wir gerne mit unserem Wissen weiter und unterstützen die jungen Leute aktiv bei der Suche.“
Wen diese Kombination aus Theorie und Praxis überzeugt, kann sich für weitere Fragen gerne hier informieren:
Berufsförderungswerk der Bauindustrie NRW e.V.
Ausbildungszentrum Kerpen
Herr Edgar Lengwenat
Humboldtstraße 30-36
50171 Kerpen
Internet: www.berufsbildung-bau.de und www.abz-kerpen.de
Adressen der beteiligten Hochschulen:
Bergische Universität Wuppertal
Fachbereich Bauingenieurwesen
Pauluskirchstr. 7
42285 Wuppertal
Internet: www.uni-wuppertal.deFachhochschule Köln
Fakultät für Bauingenieurwesen und Umwelttechnik
Betzdorfer Str. 2
50679 Köln
Internet: www.fh-koeln.deFachhochschule Bochum
Fachbereich Bauingenieurwesen
Lennershofstr. 140
44801 Bochum
Internet: www.fh-bochum.de