Mit dem Bolognaprozess soll ein gemeinsamer europäischer Hochschulraum geschaffen werden. Kritiker plädieren inzwischen für ein Umsteuern des Prozesses, während sich Befürworter für die Einhaltung der Reform aussprechen. Der Bonner General-Anzeiger widmete diesem Thema am 28.10.2008 einen umfangreichen Bericht, der u.a. Interviews mit Professor Bernhard Kempen, dem Präsidenten des Deutschen Hochschulverbands, und der Professorin Margret Wintermantel, der Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, enthält, in denen die unterschiedliche Einschätzung der Reform deutlich wird.
Professor Kempen kritisiert zum einen das mangelnde Angebot an Masterstudiengängen. Demnach hat nicht jeder Bachelor die Möglichkeit, ein Master-Studium anzuschießen. Dies wäre jedoch dringend geboten, um in der Wirtschaft als qualifizierte Fachkraft Fuß fassen zu können. Daher fordert er für 70 bis 80 Prozent der Bachelor-Absolventen einen adäquaten Masterstudienplatz. Er beanstandet darüber hinaus die geringen Wechselmöglichkeiten zwischen verschiedenen Universitäten mit gleichen Bachelor-Studiengängen, da diese jeweils sehr speziell zugeschnitten seien und fordert "Mobilitätsverbünde", um Studenten die Möglichkeit zu geben, auch an anderen Hochschulen im In- und Ausland studieren zu können.
Dagegen verteidigt Professorin Wintermantel die Entwicklungen an den deutschen Universitäten. Sie räumt zwar noch viele Probleme ein, z.B. sei die Stofffülle in einigen Studiengängen zu groß, es fehle an klaren Richtlinien für die Übergänge vom Bachelor zum Master, und es gebe zu viele kleinteilige Regelungen im Allgemeinen. Dennoch erwartet sie eine zügige Umsetzung der Studienreform und fordert daher mehr Personal für die Hochschulen. Die Reform sei wichtig, um die Berufsfähigkeit der Absolventen zu erhöhen.
Interviews im Wortlaut: Bernhard Kempen